Digitale Vortragsreihe anlässlich der 10. Jahrzeit von Michael Goldberger sel. A.

12.12.2021 – 24. 07.2022

Nächster Vortrag von Gabriel Strenger am 24.07.2022, 20 Uhr MEZ

Dani Schustermann – David Bollag – Shimon Gesundheit – Ronni Cohn -Beni Gesundheit – Henri Mugier – Refoel Guggenheim – Noam Hertig – Carolyn Bollag – Gabi Strenger

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Rabbiner Michael Goldberger sel. A.
HaRav Michael Mosche Chaim ben Jakov Natan v’Mirjam
2. November 1961 – 17. Juli 2012
23. Cheschwan 5722 – 27. Tammus 5772

Sein Gesang sprach zu unseren Herzen, sein Sprechen war Musik für unsere Seelen.

Michael war keine Persönlichkeit – er war ein Leuchtturm für ganz viele Menschen. Ein Mensch mit unglaublichem Wissen, mit einer Gabe, zu erzählen und zu erklären – doch vor allem: Mit einer unglaublichen Liebe zu seinen Mitmenschen, die immer wieder berührte. Die Musik lag Michael im Blut. Mit seiner Gitarre scharte er schon früh Kinder und Jugendliche um sich, veröffentlichte noch nicht zwanzigjährig mit dem Bne Akiva eine Schallplatte und sang zusammen mit seinem engen Freund, dem Kantor Marcel Lang sel. A., als Chasan – beide waren stark inspiriert von Rabbi Shlomo Carlebachs Melodien. Michael sang auf CDs und trat als Sänger mit der Klesmer-Band Bait Jaffe auf.1

Michael Goldberger ist 1961 in Basel geboren und dort aufgewachsen. Der diplomierte Psychologe und Gestalttherapeut widmete sein ganzes Leben dem Dienst der Gemeinschaft, dem Lernen und vor allem Kindern und Jugendlichen. Er hörte nie auf, zu lernen und er lernte von allen. Als Jugendleiter (eine Tätigkeit, die er bereits in Basel ausübte) kam er nach Düsseldorf. Dort wurde er Rabbiner – das nötige Wissen dazu hatte er sich längst erarbeitet. Seine erste Smicha erhielt er von Rabbi Zalman Schachter-Shalomi s’l, dem grossen Erneuerer in den Vereinigten Staaten, der seinerseits aus der Lubavitscher Tradition stammte. Was Rabbi Schachter vorlebte, führte Michael weiter: Traditionen und Gewohnheiten zu hinterfragen, nach ihrem Ursprung und Sinn zu forschen und dann die Frage zu stellen: Wie müssen wir es heute handhaben, um diesen ursprünglichen Sinn zu erfüllen?

Er war ein scharfer Beobachter und bemerkte allerlei Unstimmigkeiten, aber er sah immer in erster Linie die Gemeinsamkeiten, die verbinden. In seinen Reden entfaltete er unerwartete Möglichkeiten, zeigte neue Wege des Verständnisses auf – aber immer hatten das Alte und das Neue die gleiche Berechtigung. Michael war fest verwurzelt in der orthodoxen Tradition und gleichzeitig offen für neue Wege im Judentum – in meisterhafter Art vermochte er in Einklang zu bringen, was auf den ersten Blick als Widerspruch erschien. Michael war ein Brückenbauer. Ein Brückenbauer zwischen Tradition und Erneuerung.

Seine Arbeitsleistung war enorm. Zusätzlich zur Betreuung seiner Gemeinde in Düsseldorf, die durch die russische Einwanderung von ein paar hundert auf zweitausend Mitglieder angewachsen war, hielt er fast wöchentlich Vorträge in ganz Deutschland: Er war auch hier ein Brückenbauer, ein Vermittler zwischen dem Judentum und der christlichen und muslimischen Umgebung. Michael erteilte überdies Schiurim, erarbeitete einen grossen Schatz an Lehrmaterial, baute trotz des Widerstands der Behörden eine erfolgreiche jüdische Schule auf – und hatte immer Zeit, zuzuhören.

Zurück in der Schweiz, wirkte er als Rektor der Jüdischen Schule Noam, in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich als Lehrer und in seinem letzten Lebensjahr als Rabbiner.

Und er schrieb. Seine Schrifterklärungen schafften einen völlig neuen Zugang zu den Texten der Tora. Sie erschienen – das war Michaels grosses Anliegen kurz vor seinem Tod – als inspirierendes Buch.2

Mit seinem innigen Freund Marcel Lang verband ihn auch die schwere Krankheit, der er nach langem Kampf erlag. Michael und sein Lebenswerk hinterlassen ein helles Licht im Leben vieler.

Von Henri Mugier

1Album: „Kol Demamah Dakah – Eine Stimme der Stille entschwebend (קול דממה דקה)“ von Michael Goldberger (voc), Marcel Lang (voc), Lukas Langlotz (Piano) und Henri Mugier (Coverart) aus dem Jahr 2003

1Album: PESSACH! 65 Lieder für den Seder Abend – A capella – gesungen von Michael Goldberger

2Buch: «Schwarzes Feuer auf weissem Feuer» – Ein Blick zwischen die Zeilen der biblischen Wochenabschnitte (Verlag reinhardt / tachles)

Weiterführende Links:

10 Termine – 10 Persönlichkeiten – 10 Themen
EINE GEMEINSAMKEIT


Sonntag, 12. Dezember 2021, 20 Uhr

Dani Schustermann – “ ואף רב סבר אין מזל לישראל – Und selbst Rav war der Ansicht, dass Israel nicht den Sternen unterliege“

Dani „Schusti“ Schustermann engagierte sich im gemeinnützigen Dienst in Düsseldorf und lernte dadurch Michael kennen. Seine Freundschaft mit Michael hat ihn bis heute sehr stark geprägt.

„Wenn dir das Wasser bis zum Hals steht und du nicht mehr weiter weisst, dann mach eine Pause – das Wasser wird sinken“. Diese Worte gab ihm Michael mit auf den Weg, sie begleiten ihn noch heute. 

Nach seiner Zeit in Düsseldorf kehrte Schustermann zurück nach Israel, studierte und ist nun als Berater für Firmenentwicklung tätig. Überdies leitet er eine gemeinnützige Organisation.


Sonntag, 23. Januar 2022, 20 Uhr

David Bollag – Michael und seine Tora

Rabbiner David Bollag kennt Michael seit dessen Kindheit. Er war sein Madrich (Jugendleiter) im Bne Akiwa Basel. Während Michael Rabbiner der Gemeinde Düsseldorf war, amtierte Bollag als Rabbiner in Köln.  


Bollag hat Judaistik und Philosophie in New York und Jerusalem studiert, seine rabbinische Ordination an der Yeshiva University in New York erhalten und an der Hebrew University in Jerusalem promoviert. Heute ist er als Rabbinatsmitarbeiter in der ICZ tätig, ist Lehr- und Forschungsbeauftragter am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern und Lehrbeauftragter der Theologischen Fakultät der Universität Zürich.


Sonntag, 6. Februar 2022, 20 Uhr

Shimon Gesundheit – „Wer schrieb die Tora? – Vom Umgang des Midrasch mit der Autorenschaft und Ethik der Tora

Shimon Gesundheit zählt zu Michaels ältesten Freunden. Der Theologe und Religionswissenschaftler besuchte gemeinsam mit Michael Kindergarten und Schule. 

Mit 19 Jahren wanderte er nach Israel aus und widmete sich dort an verschiedenen Institutionen dem Studium von Talmud, Bibel, Jüdischen Studien, Geschichte und Philosophie und erhielt schliesslich seine Ordination vom israelischen Oberrabbinat. An der Hebrew University wandte er sich schliesslich ganz der Bibelwissenschaft zu. Im Jahr 2000 wurde er mit einer bahnbrechenden Arbeit zu den Festen Israels im Pentateuch promoviert. Daran schlossen sich weitere Studien in Harvard an.

Seit 2002 forscht und lehrt er am Bible Department der Hebrew University in Jerusalem, von 2013-2015 amtierte er als Head of Department. Gesundheits Forschungen zeichnen sich durch eine herausragende Kenntnis der traditionellen jüdischen Gelehrsamkeit zu Bibel und Talmud sowie der modernen Bibelwissenschaft im globalen Rahmen aus.


Sonntag, 27. Februar 2022, 20 Uhr

Ronni Cohn – Precision Child Health: Ein neues Konzept in der Medizin beeinflusst von Michael Goldberger zu Beginn meiner Karriere (Vortrag auf Englisch)

Ronald Cohn war ein langjähriger und enger Freund von Michael. Er und seine Frau waren zudem das erste Brautpaar, das durch Michael getraut wurde. 

Nachdem der Kinderarzt und Genetiker Dr. Cohn sein Postdoc-Stipendium am Howard Hughes Medical Institute abschloss, wurde er zum ersten kombinierten Assistenzarzt in Pädiatrie und Genetik an der Johns Hopkins University. Nach seinem Wechsel ins McKusick-Nathans Institute of Genetic Medicine amtierte er als Direktor des weltweit ersten multidisziplinären Zentrums für Hypotonie. Seit 2019 ist er Präsident und CEO des Hospital for Sick Children (SickKids) in Toronto.

Cohn zeichnet sich aber nicht nur durch ein enormes Wissen in seinem Gebiet aus, sondern auch durch seine empathische, hilfsbereite Art. So hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den David M. Kamsler Award für herausragende mitfühlende und kompetente Betreuung von pädiatrischen Patienten oder den Harvard-Partners Center for Genetics and Genomics Award.


Sonntag, 13. März 2022, 20 Uhr

Beni Gesundheit – Ägyptologie und der Auszug aus Mizrajim – Vorbereitung auf die Pessach-Haggadah

Benjamin Gesundheit ist mit Michael in Basel aufgewachsen und zählt zu dessen engsten und ältesten Freunden. 

Nachdem Gesundheit an der Universität Basel doktorierte, promovierte er in Bioethik an der University of Toronto mit einer Dissertation im Bereich der jüdischen Medizinethik. Seine beruflichen Erfahrungen sammelte er beispielsweise in der Abteilung für pädiatrische Hämatologie und Onkologie am Hospital for Sick Children in Toronto, am Soroka Hospital in Beer Sheva und am Hadassah Hospital in Jerusalem. Überdies unterrichtete Gesundheit an der Fakultät für jüdische Philosophie an der Hebrew University.

Seit vielen Jahren arbeitet Gesundheit an einem Kommentar zur kontextuellen Interpretation des Buchs Tehillim.


Sonntag, 3. April 2022, 20 Uhr

Henri Mugier – Die vier Welten der Kabbala

Henri Mugier lernte Michael kennen, als dieser als Jugendlicher im Alters- und Pflegeheim „La Charmille“ Gottesdienste leitete. Mugier blickt zurück auf unzählige intensive Gespräche mit Michael, auf welche er heute in dessen Texten Antworten findet. Sie beide besuchten die Seminare von Reb Zalman Schachter-Shalomi sel. A., bei welchem Michael seine erste Smicha erlangte.

Der langjährige Freund Michaels studierte Sozialarbeit, wonach er u.a. als Jugendhausleiter in Thun arbeitete, in Riehen als Leiter des jüdischen Heims „La Charmille“ tätig war und in Basel in einem Tageszentrum für psychisch kranke Menschen mitwirkte. Überdies erteilte er regelmässig Religionsunterricht für Kinder und Erwachsene innerhalb der Chawura Basel und der Jüdischen Gemeinde Bern. Zudem ist er Mitglied von ALEPH, der Chawura-Bewegung in den USA. Der Berner gibt vereinzelt Kalligrafie-Workshops für hebräische Kalligrafie.


Sonntag, 8. Mai 2022, 20 Uhr

Refoel Guggenheim – Wo bleibt der Mensch? Auf der Suche nach dem Menschlichen in biblischen Texten

Refoel Guggenheim hat gemeinsam mit Michael die Sekundarschule der NOAM aufgebaut. In dieser Zeit bauten die beiden eine enge Freundschaft auf.

Dr. med. Refoel Guggenheim ist Arzt für den Bereich Kinder- und Jugendmedizin. Er ist als Oberarzt an der Kinderklinik des Stadtspitals Triemli tätig und leitet das Programm für Regulationsstörungen. Überdies betreibt er eine eigene Kinderarztpraxis und doziert am Institut für Hausarztmedizin an der Universität Zürich.

Durch Michaels Buch „schwarzes Feuer auf weissem Feuer“ fühlte sich der Arzt inspiriert gemeinsam mit seiner Tochter Chaja einen Podcast ins Leben zu rufen. Darin werden pädagogische und entwicklungspsychologische im Zusammenhang mit biblischen Themen diskutiert.

https://www.podcast.de/podcast/2604631/wo-bleibt-der-mensch


Sonntag, 12. Juni 2022, 20 Uhr

Noam Hertig – „Du sollst nicht Lügen“ – Muss man immer die Wahrheit sagen?

Rabbiner Noam Hertig ist in Zürich aufgewachsen und war ein Schüler Michaels.

Nach einem Jeschiwa Aufenthalt in Israel studierte Hertig Psychologie und Religionswissenschaften an der Universität Zürich. Im Anschluss an seine Tätigkeit als Rabbinatsbeauftragter in der jüdischen Gemeinde St. Gallen zog er nach Jerusalem und absolvierte dort ein Rabbinatsstudium am Kollel Torat Yosef und Machon Straus-Amiel. 

Von 2015 bis 2016 war er als Assistenzrabbiner in der ICZ tätig. Seit 2017 ist er Gemeinderabbiner der ICZ. Überdies engagiert er sich seit vielen Jahren schweizweit in diversen jüdischen und interreligiösen Bildungs- und Dialogprojekten.


Sonntag, 3. Juli 2022, 20 Uhr

Carolyn Bollag – Der Versuch einer anderen Sicht der Frau im Judentum

Carolyne Bollag arbeitete als Vorstandsmitglied der jüdischen Schule NOAM eng mit Michael zusammen und durfte seinen Tatendrang bei der Umsetzung seiner Ideen miterleben. 

Nach ihrer Matura studierte Bollag Jura und schloss 1990 mit dem Lizentiat ab. Während dieser Zeit besuchte sie jüdische Lernvorträge und bildete sich bei Lehrern verschiedenster religiöser Ausrichtungen weiter. Während ihres Studiums wurde sie besonders durch Michael inspiriert, sich nicht nur den klassischen Erklärern zu widmen, sondern sich auch mit moderneren und spirituellen Themen des Judentums zu befassen.


Sonntag, 24. Juli 2022, 20 Uhr

Gabi Strenger – „Mündliche Tora“ im Buch Sefat-Emet und in Rabbiner Michael Goldbergers Glaubensweg

Gabriel Strenger ist mit Michael in Basel gross geworden. Die beiden verbindet eine langjährige, sehr enge Freundschaft.

Strenger erforscht und lehrt die Verbindung von jüdischer Spiritualität mit psychoanalytischem Gedankengut und ist sehr aktiv im interreligiösen Dialog tätig. Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit gehören Psychoanalyse, Kabbala, Chassidismus, jüdische Meditation und Spiritualität.

Strenger betreibt eine eigene psychotherapeutische Praxis in Jerusalem und arbeitet als Lehrbeauftragter für Psychotherapie an der Hebrew University. Sein Wissen gibt er auch als Autor weiter: Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Jüdische Spiritualität“ und „Die Kunst des Betens“.

http://www.gabriel-strenger.com/


Gesang. Wenn er sprach, war es wie ein Gesang. Michael Goldbergers Reden, Schiurim, Predigten waren Oden. Wer ihnen zuhörte, verspürte eine zeitlose Ruhe dieser sanften singenden Stimme. Die Worte waren nicht einfach gesprochen, sondern so phrasiert, dass im Klang die Bedeutung des Gesagten geradezu in die Seelen der Zuhörer Eingang finden konnte. Inhalt und Klang traten in Beziehung zu den Menschen, vermittelten Hoffnung, Erkenntnis, Freiheit. Am Dienstag nun konnte Michael Goldberger der Krankheit nicht mehr trotzen und entschlief nach langem und tapferem Kampf im Kreise der Familie im Alter von nur 51 Jahren.

Wort. Michael Goldberger ist 1961 in Basel zur Welt gekommen und dort aufgewachsen. Von Anfang bis zum Schluss stellte er sich in den Dienst der Gemeinschaft, des Lernens und vor allem von Kindern und Jugendlichen. Als Madrich im Bne Akiwa Basel und Schweiz, als Jugendleiter in der Israelitischen Gemeinde Basel, als Rabbiner in Düsseldorf, als Rektor der jüdischen Schule Noam, als Familienvater und schliesslich in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, wo er als Lehrer und seit einem Jahr als zweiter Rabbiner wirkte – stets gelangte Michael Goldberger durch die Sanftheit von Worten und Gedanken an die Menschen. In jedem Abschnitt der Thora, im Talmud und in den Midraschim fand er immer die lebensbejahende Komponente, die das Judentum mit einer tiefen humanistischen Idee verband. Integraler Bestandteil waren Klang, Melodie, Musik. Mit Gitarre und Gesang versammelte Goldberger auf Machanot, bei Ausflügen oder Onagim unter der Woche die Jugendlichen, nahm eine fast schon legendäre Platte des Bne Akiwa im Jahre 1982 auf, die den Zugang zum Judentum durch die Zartheit der Melodien und die Prägnanz der Texte in schlicht ergreifender Schönheit ermöglichte.

Buch. Mit seinem guten Freund Marcel Lang wirkte er jahrelang als Kantor in Synagogen an den hohen Feiertagen, gab Konzerte und nahm Schallplatten auf. Beide kämpften sie mit dem gleichen Schicksal, mit der Krankheit, der sie viel zu früh erlegen sind. Noch im März veröffentlichte Michael Goldberger in Erinnerung an seinen Freund Marcel Lang zusammen mit tachles eine CD mit Liedern und Melodien zu Pessach. Für tachles und davor für die Jüdische Rundschau wirkte er fast 15 Jahre lang als Autor wöchentlicher Sidrabetrachtungen (zuletzt in tachles 23/2012). Mit seinen Basler Weggeföhrten Alfred Bodenheimer, David Bollag, Gabriel Strenger und später Emanuel Cohn schafften sie wöchentlich einen völlig neuen Zugang zu den Wochenabschnitten der Thora. Goldbergers letzter Wunsch war die Publikation eines Buches, welches seine überarbeiteten Sidratexte vereinte. Bis in die letzten Tage arbeitete er mit minuziöser Genauigkeit die Endfassung des Manuskripts aus. Das Buch wird im Herbst von der JM Jüdischen Medien AG publiziert.

Quelle. Dort, wo keine Worte mehr waren, fand Michael Goldberger die richtigen. Dort, wo Trauer herrschte, durchbrach Michael Goldberger diese mit weicher Stimme, die immer Zuversicht und Kraft vermittelte. In jedem Trauerhaus, als Seelsorger und Freund, bei Abdankungen und in der Synagoge vermittelte Goldberger durch Worte das Schöne und Gute und öffnete einen völlig neuen Zugang zu jüdischen Quellen, zum Alltag und zur Gemeinschaft. Das war nicht leere Rhetorik, sondern erfülltes, gedachtes, gelebtes Judentum. Verstandenes und hinterfragtes Judentum, das nicht als Prinzip, sondern als Menschentum wirkte. Goldberger nutzte Worte als Tor zur Dimension der freien Erkenntnis, die er jedem und jeder selbst überliess. Goldbergers Spiritualität war keine im Dienst eines Programms, sondern hin zur Freiheit.
In der Schule lehrte er Kinder nicht die Thora als Selbstzweck, sondern das Leben durch sie. In Schiurim entliess Goldberger die Lernenden nicht mit dogmatischen Antworten, sondern mit der Offenheit, sich auf den menschlichen Weg zu begeben. In Synagogen gelangte er immer auf Augenhöhe von Mensch zu Mensch an die Gemeinde und suchte nie Verführung durch Worte, sondern den Dialog durch Inhalte, Geschichten und neu gelebter Tradition.

Freund. Michael Goldberger stand in der Tradition eines längst vergessenen Judentums, das durch Melodie, Gesang, durch die Wirkung der Dichtung und die Schönheit der sinnerfüllten, gelebten Worte von König David bis hin zu Shlomo Carlebach reichte. Nun ist diese Stimme für immer verstummt – und wird noch lange, lange nachklingen.

(Yves Kugelmann aus tachles 20. Juli 2012)